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work & care: Beruf und Pflege besser vereinbaren

Wie können pflegende Angehörige noch besser in ihrer Pflegetätigkeit unterstützt werden? Zur Diskussion dieser Frage mit Kordula Schulz-Asche, pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und weiteren Fachleuten der Gesundheitswirtschaft hatte das ZIG OWL eingeladen. An der Podiumsdiskussion unter dem Motto „work & care: Beruf und Pflege besser vereinbaren“ beteiligten sich rund 50 Besucherinnen und Besucher am 8. Dezember im Tagungszentrum Bethel.

Mittlerweile sind rund fünf Millionen Menschen in Deutschland auf Pflegeleistungen angewiesen. Vier von fünf Pflegebedürftigen werden von ihren Angehörigen im häuslichen Umfeld betreut. Viele dieser pflegenden Angehörigen sind selbst berufstätig. Das ist für viele Pflegende eine Doppelbelastung, die häufig mit großen Anstrengungen und Einschränkungen verbunden ist. „Viele dieser Menschen stehen noch mitten im Berufsleben, wo sie ebenfalls dringend benötigt werden. Dennoch übernehmen sie diese verantwortungsvolle, aber auch herausfordernde Aufgabe, die diese Menschen oft an ihre Grenzen führt“, machte Kordula-Schulz-Asche in ihrem einführenden Vortrag klar. So habe sich die Situation für die pflegenden Angehörigen in den letzten Monaten unter den Bedingungen der Corona-Krise weiter zugespitzt. Es gebe viele gute Ansätze und eine Reihe von Hilfen. Die seien in Summe aber nicht ausreichend, zumal auch die Anforderungen steigen. Der Ausbau der notwendigen Infrastruktur insbesondere im Bereich der Tages- und Nachtpflege sei ein wichtiger Punkt. Es dürfe aber nicht nur um Angebote für ältere Menschen gehen, die möglichst lange in ihrem häuslichen Umfeld leben wollten. „Wenn wir die Qualität in der Pflege sicherstellen wollen, müssen wir auch die Gruppe der pflegenden Angehörigen stärken und präventiv unterstützen.“ Dies sei aber nicht allein Aufgabe der Kranken- und Pflegekassen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Hier müssen wir auch die Akteure einbinden, die bislang noch nicht im Fokus standen, beispielsweise die Kommune bzw. das Quartier als Sozialraum, als auch die Unternehmen, in denen pflegende Angehörige beschäftigt sind. Nur in diesem starken Verbund ist es möglich, die Vielzahl der Aufgaben zu lösen, denen sich die Pflege stellen muss.“

Zustimmung und Zurückhaltung

Doch sind beispielsweise auch Unternehmen dazu bereit, einen Beitrag zur Verbesserung der Situation von Fachkräften zu leisten, die sich in der Pflege ihrer Angehörigen engagieren? Erste Antworten lieferten Silke Völz vom Institut Arbeit und Technik (IAT) und Jan Hendrik Schnecke, Projektmanager am ZIG, mit Ergebnissen aus dem aktuellen Projekt work & care. Hier werden Unterstützungsformen für Klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) in der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) gebündelt und neue Instrumente zur Stärkung pflegender Erwerbstätiger entwickelt. Die systematische Verbindung sozialer und technischer Innovationen soll dabei helfen, die Anforderungen, vor denen pflegende Erwerbstätige stehen, besser zu bewältigen. Zahlreiche Interviews mit Unternehmensvertretern hatten die beiden in den letzten Monaten geführt. Für Silke Völz ergibt sich ein zwiespältiges Bild: „Viele Unternehmen sind begeistert von der Idee und durchaus bereit, sich zu engagieren. Doch leider gibt es auch Informationsdefizite und Zurückhaltung. Die Corona-Krise mit ihren wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen überlagert derzeit die Initiative zu möglichen personalpolitischen Maßnahmen.“ Eine Ansicht, die Jan Hendrik Schnecke teilt, der auf Seiten der Unternehmen Unsicherheit ausmacht: „Die Unternehmen sehen die Relevanz und den Handlungsbedarf, sind aber oft nicht hinreichend informiert.“ Mit dem Projekt work & care wurden Unternehmen und Einrichtungen aus der Region als Multiplikatoren gewonnen, damit es noch besser gelingt, die Akteure enger zu vernetzen und so die Zusammenarbeit zu stärken.

Pflegebedürftigkeit aus der Tabu-Zone holen

Wie dringlich strukturelle Veränderungen sind, zeigte die anschließende Podiumsdiskussion, an der sich unter der Moderation von ZIG-Geschäftsführer Uwe Borchers neben der Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche auch Birgit Michels-Rieß, Einrichtungsleiterin des Pflegezentrums Haus Hannah der Altenhilfe Bethel, Gaby Erdmann, stellvertretende Vorständin des BKK-Landesverbandes NORDWEST, Bianca Michler, Fachkrankenschwester, Pflegeberaterin und pflegende Angehörige im Evangelischen Klinikum Bethel und Carina Betzing, Fachberaterin vom PME Familienservice als Expertinnen beteiligten. Nach Einschätzung von Bianca Michler sind viele pflegende Angehörige durch die Doppelbelastung Beruf-Pflege stark belastet, manche auch schon überfordert. „Viele Pflegende sind bereits im Tunnel und nur noch damit beschäftigt, einigermaßen über den Tag zu kommen. Die sehen die Angebote nicht mehr, die es ja durchaus auch gibt.“ Hier seien nicht nur weitere Hilfen, sondern vor allem auch finanzielle Anreize nötig. Eine Einschätzung, die Gaby Erdmann von der BKK teilt. Um die Gruppe der pflegenden Angehörigen nachhaltig zu unterstützen, empfiehlt sie zudem eine stärkere Digitalisierung von Pflegeleistungen, um Prozesse effizienter zu gestalten, beispielsweise wenn es um Terminabsprachen und Betreuungsangebote gehe.

So wie Bianca Michler und Gaby Erdmann, sieht auch Carina Betzing die Unternehmen mit in der Verantwortung, wenn es um die Bereitstellung von Ressourcen für die Pflege geht. Neben konkreten Unterstützungsleistungen forderte sie mehr Sensibilität von Unternehmen, in denen pflegende Angehörige tätig sind: „In einem Vorstellungsgespräch traut sich doch niemand, preis zu geben, dass sie oder er zu Hause einen Angehörigen pflegt. Andererseits wird auch gar nicht danach gefragt. Da sieht man, mit wieviel Unsicherheit und Barrieren das Thema behaftet ist.“ Eine Einschätzung, mit der sie nicht nur vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Publikum, sondern auch Kordula Schulz-Asche aus dem Herzen sprach. Ihr Schlusswort am Ende der lebhaften Diskussion: „Leider wird das Thema Pflegebedürftigkeit nach wie vor von vielen Menschen verdrängt bzw. tabuisiert. Hier müssen wir endlich eine ehrliche Diskussion führen, denn nur dann können wir dieses wichtige Thema zu einer guten Lösung führen.“